Electrophysiology CINRE, hospital BORY
Vorhofflimmern: Leitlinien (2026) Kompendium / 4.2 SPERRI und Vorhofflimmern

SPERRI und Vorhofflimmern


Eine akzessorische Leitungsbahn findet sich bei 0,1–0,3 % der Bevölkerung.

Eine akzessorische Leitungsbahn (anterograd) verursacht eine Präexzitation. Präexzitation bedeutet, dass ein Teil der Ventrikel früher aktiviert (erregt) wird als über das physiologische Reizleitungssystem (AV-Knoten -> His-Bündel -> Tawara-Schenkel). Die Präexzitation führt im EKG zu einer Delta-Welle.

  • Eine anterograde Leitungsbahn leitet vom Vorhof zum Ventrikel – es entsteht eine Delta-Welle.
  • Eine retrograde Leitungsbahn leitet vom Ventrikel zum Vorhof – es entsteht keine Delta-Welle.

WPW-Syndrom (symptomatische Präexzitation)

  • Der Patient weist eine Delta-Welle im EKG auf und ist symptomatisch oder es liegt eine dokumentierte Arrhythmie vor:
    • Palpitationen, Synkope, Schwindel, AV-Reentry-Tachykardie (AVRT) oder Vorhofflimmern (VHF).
  • Das Risiko für einen plötzlichen Herztod beträgt <0,5 %.

WPW-Muster (asymptomatische Präexzitation)

  • Der Patient weist eine Delta-Welle im EKG auf, ist jedoch asymptomatisch und es liegt keine dokumentierte Arrhythmie vor:
    • Keine Palpitationen, Synkope, Schwindel, AVRT oder VHF.
  • Das Risiko für einen plötzlichen Herztod beträgt 0,1 %.

Maligne akzessorische Leitungsbahn

  • Ist eine Leitungsbahn, die atriale Impulse während VHF rasch (≥240/min) auf die Ventrikel überleiten kann.
  • Kann Kammerflimmern und plötzlichen Herztod verursachen.
  • Eine maligne akzessorische Leitungsbahn ist durch den SPERRI-Parameter definiert, der während einer VHF-Episode beurteilt werden kann.
  • SPERRI ≤250 ms (≤6,25 kleine Kästchen im Standard-EKG bei einer Papiergeschwindigkeit von 25 mm/s)

SPERRI (Shortest Preexcited RR Interval)

  • Ist das kürzeste RR-Intervall, das noch eine Delta-Welle aufweist.
    • Kürzere RR-Intervalle zeigen keine Delta-Welle mehr, da die Leitungsbahn bei so hoher Frequenz nicht mehr überleiten kann.
  • SPERRI wird am besten während tachykardem VHF bestimmt, da die RR-Intervalle in ihrer Länge, d. h. in der Frequenz, variieren.
  • Eine maligne akzessorische Leitungsbahn weist einen SPERRI ≤250 ms (≤6,25 kleine Kästchen im Standard-EKG bei 25 mm/s) auf
    • entsprechend einer Frequenz von ≥240/min.
Vergleich der Präexzitation im Sinusrhythmus und des präexzitierten Vorhofflimmerns im EKG.
Präexzitiertes Vorhofflimmern mit kurzem SPERRI unter 250 ms im EKG.
Akzessorische Leitungsbahn und Vorhofflimmern Klasse
Zur Behandlung des WPW-Syndroms wird die Katheterablation der akzessorischen Leitungsbahn empfohlen. I
Eine maligne akzessorische Leitungsbahn ist definiert als das kürzeste RR-Intervall ≤250 ms mit Delta-Welle (SPERRI ≤250 ms) während VHF. I
Zur Behandlung einer malignen akzessorischen Leitungsbahn wird die Katheterablation der akzessorischen Leitungsbahn empfohlen. I
Eine Ablation der akzessorischen Leitungsbahn sollte erwogen werden, wenn SPERRI ≤300 ms beträgt. IIa
Bei präexzitiertem VHF sind folgende Substanzen kontraindiziert:
  • Adenosin
  • Verapamil
  • Diltiazem
  • Betablocker
  • Digoxin
  • Amiodaron
III
Bei hämodynamisch stabilem präexzitiertem VHF werden folgende Substanzen empfohlen:
  • Procainamid
  • Ibutilid
  • Flecainid
I
Bei hämodynamisch instabilem präexzitiertem VHF wird die elektrische Kardioversion empfohlen. I
Präexzitiertes Vorhofflimmern mit längerem SPERRI von 280 ms und fehlender Delta-Welle im EKG.

Bei präexzitiertem VHF (VHF + Delta-Welle) sind alle Medikamente kontraindiziert, die die Überleitung über den AV-Knoten verlangsamen und die akzessorische Leitungsbahn nicht blockieren. Bei Gabe dieser Substanzen kann Kammerflimmern auftreten. Zu den kontraindizierten Medikamenten zählen:

  • Adenosin
  • Verapamil
  • Diltiazem
  • Betablocker (Metoprolol, Bisoprolol, Atenolol, Esmolol etc.)
  • Digoxin
  • Amiodaron
Bei präexzitiertem Vorhofflimmern können folgende Maßnahmen angewendet werden
Procainamid
Ibutilid
Flecainid
Elektrische Kardioversion

Diese Leitlinien sind inoffiziell und stellen keine offiziellen Leitlinien dar, die von einer kardiologischen Fachgesellschaft herausgegeben wurden. Sie dienen ausschließlich zu Bildungs- und Informationszwecken.

Peter Blahut, MD

Peter Blahut, MD (Twitter(X), LinkedIn, PubMed)