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Vorhofflimmern: Leitlinien (2026) Kompendium / 9.10 Onkologische Erkrankungen und Vorhofflimmern

Onkologische Erkrankungen und Vorhofflimmern


Eine aktive onkologische Erkrankung ist der Zeitraum, in dem unerwünschte Ereignisse und Komplikationen im Zusammenhang mit einer Tumorerkrankung am häufigsten auftreten.

  • Zum Beispiel Blutungen, Thromboembolien, neu diagnostiziertes Vorhofflimmern (VHF).

Eine aktive onkologische Erkrankung ist definiert als:

  • Der Patient befindet sich aktuell in onkologischer Therapie (Chemotherapie, Radiotherapie).
  • Der Patient hat Metastasen, auch wenn derzeit keine aktive Therapie erfolgt.
  • Die Diagnose wurde innerhalb der letzten 6 Monate gestellt.
  • Ein Rezidiv ist innerhalb der letzten 6 Monate aufgetreten.

Onkologische Erkrankungen führen zu chronischer Inflammation mit atrialem Remodeling. Auch Radiotherapie und Chemotherapie fördern atriales Remodeling; somit schaffen sowohl die Tumorerkrankung selbst als auch ihre Therapie ein Substrat für VHF.

VHF ist bei 2–28% der onkologischen Patienten vorhanden.

Onkologische Operationen sind ein Risikofaktor für neu diagnostiziertes VHF.

Die Inzidenz von neu diagnostiziertem VHF beträgt:

  • 6–32% nach onkologischer Lungenoperation
  • 5% nach nicht-pulmonaler onkologischer Operation (z. B. Kolektomie)
Abbildung, die Lungenkrebs als mit Vorhofflimmern assoziierte Komorbidität mit pathologischer Lungenbeteiligung und dokumentierter EKG-Aufzeichnung der Arrhythmie darstellt.

Onkologische Erkrankungen verursachen eine chronische Inflammation mit Freisetzung von Zytokinen und Gerinnungsfaktoren, die sowohl prokoagulatorische als auch prohämorrhagische Effekte haben können. Daher besteht bei onkologischen Patienten ein erhöhtes Risiko sowohl für Blutungen als auch für Thrombosen. Es kann eine paradoxe Situation auftreten, in der ein onkologischer Patient gleichzeitig eine Thrombose entwickelt und blutet.

  • Blutungen resultieren überwiegend aus Thrombozytopenie infolge Knochenmarkssuppression sowie aus prohämorrhagischen Zytokinen.
  • Thrombosen resultieren überwiegend aus prokoagulatorischen Zytokinen, die die Gerinnungskaskade stimulieren.

Das Risiko für Thromboembolien bei onkologischen Patienten beträgt 2–10%.

  • Das Risiko steigt mit Polymorbidität.

Das Risiko für Thromboembolien bei onkologischen Patienten mit VHF beträgt 2,13%:

  • ohne Antikoagulationstherapie und bei CHA2DS2-VA-Score 0–2.

Blutungsmanifestationen (Epistaxis, Gingivablutung, Hämaturie, Blut im Stuhl) unter adäquater Antikoagulationstherapie bei Patienten mit VHF

  • sollten an eine zugrunde liegende onkologische Erkrankung denken lassen.

Eine Antikoagulationstherapie sollte bei onkologischen Patienten mit VHF und hohem Blutungsrisiko nicht erfolgen:

  • Intrakranieller Tumor
  • Thrombozytopenie (< 50 × 109/l)
  • Tumor mit Gefäßinvasion
Thrombozytopenie und Antikoagulationstherapie bei Vorhofflimmern
Thrombozyten Empfehlung
>50 × 109/l Gabe eines NOAK oder LMWH.
30 – 50 × 109/l LMWH bevorzugt; Dosisreduktion kann erwogen werden.
<30 × 109/l Keine Antikoagulation; Thrombozytentransfusion.

NOAK – Nicht-Vitamin-K-abhängiges orales Antikoagulans (Dabigatran, Rivaroxaban, Apixaban, Edoxaban). LMWH – Niedermolekulares Heparin (Enoxaparin, Dalteparin, Nadroparin)

Bevorzugte Antikoagulation bei onkologischen Patienten ist LMWH (Dalteparin, Enoxaparin). Vorteile von LMWH:

  • Subkutane Applikation (unabhängig vom Ernährungszustand: Resorption, Diarrhö).
  • Keine INR-Kontrollen erforderlich.
  • Schneller Wirkungseintritt und rasches Abklingen der Wirkung.
  • Sicher während Chemotherapie (LMWH wird nicht hepatisch metabolisiert).

LMWH ist bei gastrointestinalen und urogenitalen Tumoren bevorzugt.

Die bevorzugte Antikoagulationstherapie bei onkologischen Patienten mit VHF ist:

  • LMWH (bevorzugt: Dalteparin, Enoxaparin) oder NOAK (bevorzugt: Apixaban, Edoxaban, Rivaroxaban).
  • Initial LMWH; nach 2–4 Monaten ist ein Wechsel auf ein NOAK möglich (wenn keine Blutungsmanifestationen bestehen).
Onkologische Patienten und Vorhofflimmern Klasse
Bevorzugte Antikoagulationstherapie bei onkologischen Patienten mit VHF ist LMWH oder NOAK. I
Eine Antikoagulationstherapie bei VHF ist sicher, wenn >50 × 109/l Thrombozyten vorliegen und keine Blutungsmanifestationen bestehen. I
Eine Antikoagulationstherapie bei Patienten mit VHF sollte nach Rücksprache mit einem Onkologen in reduzierter Dosis erfolgen, wenn vorliegen:
  • Intrakranieller Tumor
  • Thrombozyten <50 × 109/l
  • Tumor mit Gefäßinvasion
I
Eine Antikoagulationstherapie sollte nicht erfolgen bei <30 × 109/l Thrombozyten. III
Eine Antikoagulationstherapie kann bei CHA2DS2-VA-Score 0 erwogen werden. IIb

LMWH – Niedermolekulares Heparin (Enoxaparin, Nadroparin), NOAK – Nicht-Vitamin-K-abhängige orale Antikoagulanzien (Dabigatran, Rivaroxaban, Apixaban, Edoxaban)


Diese Leitlinien sind inoffiziell und stellen keine offiziellen Leitlinien dar, die von einer kardiologischen Fachgesellschaft herausgegeben wurden. Sie dienen ausschließlich zu Bildungs- und Informationszwecken.

Peter Blahut, MD

Peter Blahut, MD (Twitter(X), LinkedIn, PubMed)