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Vorhofflimmern: Leitlinien (2026) Kompendium / 8.6 Blutungsrisiko und Antikoagulationstherapie

Blutungsrisiko und Antikoagulationstherapie


Während einer Antikoagulationstherapie (NOAK oder Warfarin) bei Patienten mit Vorhofflimmern (VHF) sollen alle modifizierbaren Risikofaktoren korrigiert werden, um das Blutungsrisiko zu reduzieren.

Abbildung zur Darstellung der Antikoagulation bei Vorhofflimmern mit Vergleich von Warfarin und NOAK sowie visueller Darstellung des Blutungsrisikos.
Antikoagulationstherapie bei Vorhofflimmern und Modifikation von Risikofaktoren
Modifizierbarer Risikofaktor Ziel der Modifikation
Unkontrollierte Hypertonie (systolischer Blutdruck > 160 mmHg) Systolischer Blutdruck < 140 mmHg
NSAR oder Thrombozytenaggregationshemmung Reduzieren oder absetzen (wenn möglich)
Exzessiver Alkoholkonsum (> 2 Getränke täglich) Maximal 3 Getränke pro 7 Tage
Labile INR (unter Warfarin-Therapie) Wechsel auf NOAK (nicht bei valvulärem VHF)
Chronische Nierenerkrankung Dosisanpassung von NOAK
Chronische Anämie (Hämoglobin < 110 g/l) Abklärung chronischer Blutverluste
Hohes Sturzrisiko Patientenschulung
Schlechte Adhärenz zur Pharmakotherapie Patientenschulung, Medikamenten-Organizer
Helicobacter pylori-Infektion Eradikationstherapie

NOAC – Non-vitamin K Oral Anticoagulant (Dabigatran, Rivaroxaban, Apixaban, Edoxaban). NSAID - non-steroidal anti-inflammatory drugs (ibuprofen, diclofenac, naproxen, indomethacin, ketorolac)

Mehrere Scoresysteme schätzen das Risiko schwerer Blutungen bei Patienten mit VHF unter Antikoagulationstherapie (Warfarin oder NOAK):

  • ARIA, HEMORR2HAGES, ORBIT, HAS-BLED.
  • Am häufigsten verwendet wird der HAS-BLED-Score.
HAS-BLED-Score
Buchstabe Risikofaktor Punkte
H Hypertonie
  • Hypertonie (systolischer Blutdruck > 160 mmHg)
1
A Abnorme Nieren- und/oder Leberfunktion
  • Renale und/oder hepatische Funktionseinschränkung (1 Punkt jeweils)
1 oder 2
S Schlaganfall
  • Früherer Schlaganfall
1
B Blutung
  • Blutungsanamnese oder Blutungsprädisposition
1
L Labile INR
  • Instabile INR (unter Warfarin-Therapie)
1
E Älter
  • Alter über 65 Jahre
1
D Medikamente und/oder Alkohol
  • Medikamente (z. B. Thrombozytenaggregationshemmer, NSAR) und/oder Alkohol (≥ 8 Getränke/Woche)
1 oder 2

NSAID - non-steroidal anti-inflammatory drugs (ibuprofen, diclofenac, naproxen, indomethacin, ketorolac)

Das geschätzte jährliche Blutungsrisiko gemäß HAS-BLED-Score ist in der folgenden Tabelle dargestellt:

HAS-BLED-Score und Blutungsrisiko
Score Jährliches Blutungsrisiko
0 1,13 %
1 1,02 %
2 1,88 %
3 3,74 %
4 8,7 %
5 12,5 %
≥6 ≥12,5 %

Modifizierbare Risikofaktoren und der HAS-BLED-Score dienen als komplementäre klinische Parameter.

  • Sie stellen keine Kontraindikation für eine Antikoagulationstherapie bei Patienten mit VHF dar.

Schwere Blutungen bei Patienten mit VHF unter Antikoagulationstherapie umfassen:

Schwere Blutungen während der Antikoagulationstherapie
Gastrointestinal (Meläna, Hämatemesis, Hämorrhagie)
Urogenital (Hämaturie)
Respiratorisch (Hämoptyse)
Retroperitoneal
Perikardial
Intrakraniell
Intraspinal
Hämarthros (Gelenkblutung)
Intraokulär (retinal)

Protonenpumpeninhibitoren (PPI), z. B. Pantoprazol, können zur Blutungsprävention zusätzlich zur Antikoagulationstherapie erwogen werden, wenn der Patient ein erhöhtes Risiko für gastrointestinale Blutungen aufweist:

Erhöhtes Risiko für gastrointestinale Blutungen
Anamnese einer gastrointestinalen Blutung
Begleitende Thrombozytenaggregationshemmung
Anamnese einer Helicobacter pylori-Infektion
Begleitende NSAR, Kortikosteroide, SSRI, bestimmte Antibiotika
Dyspepsie
Gastroösophagealer Reflux

NSAID - Non-steroidal anti-inflammatory drugs (ibuprofen, diclofenac, naproxen, indomethacin, ketorolac). SSRI - Selective Serotonin Reuptake Inhibitors (fluoxetine, sertraline, citalopram, escitalopram, paroxetine, fluvoxamine)

Kontraindikationen und relative Kontraindikationen für eine Antikoagulationstherapie sind in den folgenden Tabellen aufgeführt:

Antikoagulationstherapie – Kontraindikationen
Situation Empfehlung
Aktive oder kürzlich aufgetretene schwere Blutung Antikoagulation kontraindiziert
Intrazerebrale / intraspinale Blutung Hohes Risiko für Mortalität oder bleibende Folgeschäden
Peptisches Ulkus nach Blutung (innerhalb von 7 Tagen) Hohes Risiko für erneute Blutung
Große Ösophagusvarizen Hohes Risiko für letale Blutung
Thrombozyten < 30 × 109/l Antikoagulation kontraindiziert
Thrombozyten 30 – 50 × 109/l NMH kann mit Vorsicht erwogen werden
Schwangerschaft NOAK und Warfarin kontraindiziert; NMH kann verwendet werden
Leberzirrhose mit INR > 2 Bevorzugt NMH; Warfarin und NOAK werden nicht empfohlen
Schwere Allergie gegen Antikoagulanzien Wechsel der Art der Antikoagulationstherapie

NOAC – Non-vitamin K Oral Anticoagulant (Dabigatran, Rivaroxaban, Apixaban, Edoxaban). LMWH – Low-Molecular-Weight Heparin (Enoxaparin, Dalteparin, Nadroparin)

Antikoagulationstherapie – Relative Kontraindikationen
Situation Hinweis
Koagulopathie oder Vaskulitis Höheres Blutungsrisiko
Thrombozytopenie 50 – 80 × 109/l Individuelle Beurteilung erforderlich
Anämie (< 100 g/l) Unklarer Genese
Anamnese intrakranieller Blutung Möglicher Nutzen der Antikoagulation bei hohem thrombotischem Risiko
Intrakranieller oder spinaler Tumor Höheres Blutungsrisiko
Gastrointestinale Blutung (innerhalb der letzten 6 Monate) Unklare Blutungsquelle
Peptisches Ulkus (7 – 14 Tage nach Blutung) Bei adäquater Therapie
Demenz oder kognitive Einschränkung Risiko falscher Medikamenteneinnahme
Schwere Hypertonie (> 180/100 mmHg) Blutdruckstabilisierung erforderlich
Chronische Nierenerkrankung Dosisanpassung von NOAK oder NMH
Leberzirrhose mit INR > 1,5 Erhöhtes Blutungsrisiko
Tumor mit vaskulärer Invasion Hohes Blutungsrisiko

NOAC – Non-vitamin K Oral Anticoagulant (Dabigatran, Rivaroxaban, Apixaban, Edoxaban). LMWH – Low-Molecular-Weight Heparin (Enoxaparin, Dalteparin, Nadroparin)

Blutungsrisiko und Antikoagulationstherapie Klasse
Während einer Antikoagulationstherapie wird eine adäquate Kontrolle modifizierbarer Faktoren, die das Blutungsrisiko erhöhen, empfohlen. I
Eine Antikoagulationstherapie sollte nicht auf Basis von Blutungsrisiko-Scores (z. B. HAS-BLED) abgesetzt werden. Blutungs-Scores dienen ausschließlich der Abschätzung des Blutungsrisikos. III
PPI (Protonenpumpeninhibitoren) können zusätzlich zur Antikoagulationstherapie bei Patienten mit erhöhtem Risiko für gastrointestinale Blutungen erwogen werden. IIa

Diese Leitlinien sind inoffiziell und stellen keine offiziellen Leitlinien dar, die von einer kardiologischen Fachgesellschaft herausgegeben wurden. Sie dienen ausschließlich zu Bildungs- und Informationszwecken.

Peter Blahut, MD

Peter Blahut, MD (Twitter(X), LinkedIn, PubMed)